Hannah Arendt

Die Hannah-Arendt-Seiten



Im Rahmen der Namensgebung der Schule am 10. Dezember 1999 wurde unter dem Titel 'Ich will verstehen' eine Festschrift erstellt, die sich mit einigen Aspekten des Lebens und Wirkens Hannah Arendts beschäftigt. Die folgenden Beiträge sind dieser Broschüre entnommen.


Seitenüberblick
1Biografie
2Lass dich nicht gehen, geh selber! - Zitate aus Texten von Hannah Arendt
3Friedrich Holtiegel - Ein Name für das Ganztagsgymnasium
4Gesine Doernberg - Ein wenig Wohlgefallen - Betrachtung zur Umbenennung des GTG in "Hannah Arendt-Gymnasium"
5Werner Hill - Mut und Wahrhaftigkeit - Anmerkungen zu Hannah Arendts Leben und Denken
6Weitere Links zum Thema


Biografie



14.10.1906Hannah Arendt wird als einziges Kind des Ehepaars Martha und Paul Arendt in Hannover geboren.

Der Vater ist Ingenieur, die Mutter stammt aus einer alteingesessenen und einflussreichen jüdischen Familie in Königsberg.
Hannah Arendt
1910Dorthin zieht die Familie nach einer schweren Erkrankung des
1913Vaters, der dort bald stirbt.
1916-24Besuch des Gymnasiums in Königsberg. Frühe Lektüre von Philosophen und antiken griechischen Dramen. Verweis von der Schule wegen Aufruf von Mitschülerinnen zum Unterrichtsboykott eines antisemitischen Lehrers.
1920Die Mutter heiratet zum zweiten Mal.
1924Hannah Arendt besteht ihr externes Abitur an ihrer früheren Schule als Beste ihres Jahrgangs.
1924-28Studium der Philosophie, Theologie und antiken griechischen Literatur in Marburg, Freiburg und Heidelberg. Ihre Lehrer sind Husserl, Jaspers und Heidegger, zu dem sich eine Liebesbeziehung entwickelt. Die Beziehung wird von Heidegger abgebrochen.
1928Promotion in Philosophie bei Jaspers in Heidelberg über den "Liebesbegriff bei Augustinus". In die Studienzeit fallen auch erste Kontakte zu jüdischen Bewegungen, u.a. den Zionisten.
1929Heirat mit Günther Stern (später: Günther Anders). Wohnsitz Berlin.
1930Beginn der Arbeit an der Biographie "Rahel Varnhagen: Lebensgeschichte einer deutschen Jüdin aus der Romantik". Die Biographie erscheint 1938.
1933Vorübergehende Verhaftung durch die Gestapo wegen Kontakten zum Zionismus. Es folgt die Flucht über die Tschechoslowakei nach Paris.
1934-38Soziale Arbeit in einer Organisation in Frankreich, die europäische jüdische Kinder und Jugendliche auf das Leben in Kibbuzim in Palästina vorbereitet. Die Arbeit ist mit Reisen nach Palästina verbunden.
1937Scheidung von Günther Stern. Begegnung mit ihrem späteren Mann Heinrich Blücher. Aberkennung der deutschen Staatsangehörigkeit.
1938Arbeit für die Jewish Agency in Paris.
1939Heirat mit Heinrich Blücher. Vorübergehend Internierung als staatenlose "Deutsche" im Konzentrationslager Gurs/Südfrankreich.
1940Ausreise mit Blücher und ihrer Mutter in die USA.
1941-44Mitarbeit bei der deutsch-jüdischen Wochenzeitung "Aufbau" in New York.
1944-46Forschungsleiterin bei der "Conference of Jewish Relations".
1946-49Leitende Tätigkeit in einem Verlag.
1948Tod der Mutter. Erste Veröffentlichungen zur politischen Theorie
1948-52Geschäftsführerin der "Jewish Cultural Reconstruction"
1949-50Erster Besuch nach dem Krieg in Europa, Besuche in Deutschland. Wiederbegegnung mit Heidegger mit dem Versuch der Versöhnung trotz seiner zeitweiligen Annäherung an den Nationalsozialismus. Wachsende Freundschaft zum Ehepaar Jaspers, das in Basel lebt.
1951"Elemente und Ursprünge totalitärer Herrschaft" erscheint. Das Buch ist ein umfangreicher Versuch zu verstehen und zu rekonstruieren, wie es zum Verfall des Politischen in der Moderne kommen konnte, so dass die Perversion von Macht zum völligen Bruch mit dem Menschlichen durch traditionslose Ideologien führte. Es begründet Hannah Arendts Ruf als führende politische Theoretikerin ihrer Zeit. Sie lehrt an verschiedenen berühmten Universitäten der USA.
1958"Vita activa" (Vom tätigen Leben). Das zweite große Hauptwerk von Hannah Arendt entwickelt die Perspektive, durch aktive, engagierte Teilnahme selbständiger und freier Einzelner an Fragen des Gemeinwohls die Dimensionen des gelingenden Politischen zurückzugewinnen. Dabei betont sie die Bedeutung der Unabhängigkeit von Ideologien, dem entmündigenden Konsumismus, der Gleichschaltung durch eine nivellierende Bürokratie.
1961Berichterstatterin für die amerikanische Zeitschrift "New Yorker" beim Eichmann Prozess in Jerusalem.
1963Das Buch "Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht über die Banalität des Bösen" erscheint. Hannah Arendt wird wegen dieses Buchs von jüdischer Seite und vom Staat Israel scharf angegriffen, weil sie darin das Geschehen des Holocaust verharmlost habe, und sie wird wegen "mangelnder Solidarität" verurteilt.
1963-67Professur an der Universität Chicago. Seit dem Ende des 2. Weltkriegs erhält Hannah Arendt zahlreiche Preise und Ehrungen, so den Lessing-Preis 1959.
1967-75Professur an der New School for Social Research, New York.
1969Tod von Jaspers.
1970Tod Heinrich Blüchers. Hannah Arendt veröffentlicht weiterhin zahlreiche Studien zum Zeitgeschehen und über Kants politische Philosophie. Bekannt wird ihr umfangreicher Briefwechsel mit der amerikanischen Schriftstellerin Mary McCarthy, mit der sie befreundet ist.
1972Nachträgliche Ehrung und Anerkennung durch die deutsche Bundesregierung.
4.12.1975Hannah Arendt erliegt einem Herzinfarkt. Hannah Arendt

Lass dich nicht gehen, geh selber!

Zitate aus Texten von Hannah Arendt


"Die totgeglaubten Bildungsschätze der Vergangenheit bringen - werden sie zum Sprechen gebracht - oft ganz andere Dinge hervor, als man misstrauisch vermutet hat."

"Nichts ist flüchtiger als menschliche Worte und Taten. Wenn sie nicht in der Erinnerung geborgen werden, überleben sie keinen Augenblick."

"Die Urteilskraft, der Sinn für die mit anderen geteilte, gemeinsame Welt, sollte jedem und allen zugemutet werden, nicht nur den 'Denkern von Gewerbe', sondern sogar dir und mir."

"Nur allein wer 'denkt', hat eine Chance, sich dem totalitären Mitlaufen und Mitmachen - in welcher Form auch immer - zu entziehen." "Denken ohne Geländer!"

"Mut ist die wichtigste Tugend."

"Es gibt mehr Ideen auf Erden, als die Intellektuellen sich vorzustellen vermögen. Und diese Ideen sind aktiver, stärker, widerstandsfähiger, leidenschaftlicher, als die 'Politiker' glauben.

Gerade weil die Menschen Ideen haben, werden sie nicht passiv von denen bewegt, die ihnen ein für allemal beibringen möchten, was zu denken ist."

"Nur wer an der Welt wirklich interessiert ist, sollte eine Stimme haben im Gang der Welt."

"Zählen werden nur die, die bereit sind, sich weder mit einer Ideologie noch mit einer Macht zu identifizieren."

"Befreiung und Freiheit sind keineswegs dasselbe. Zwar ist Freiheit ohne Befreiung nicht möglich, aber sie ist niemals einfach nur das selbstverständliche Resultat der Befreiung."

"Frei zu sein bedeutet mehr als bloß: nicht gezwungen zu sein."

"Ich will gar nicht sein wie die anderen, sondern mich in meiner Art ernst nehmen und so von mir aus etwas zur Gemeinschaft beitragen. Gerade durch respektierte Vielfalt 'lebt' die Gemeinschaft."

"Freiheit entsteht erst dort, wo mehrere Selbständige im öffentlichen Raum um etwas ringen. Souverän sind sie dann gerade nicht, denn sie stehen dabei immer in Bezug zu anderen."

"Das Prinzip der Gleichheit ist gerade nicht, dass alle allen gleich sind, sondern dass das Politische so organisiert ist, dass in seinem Rahmen ungleiche Menschen die gleichen Rechte haben."

"Jeder Mensch hat das Recht, Rechte zu haben."

"Lessing hat mit der Welt, in der er lebte, seinen Frieden nie gemacht. Sein Vergnügen war, den Vorurteilen die Stirn zu bieten, und wie teuer er für diese Vergnügungen bezahlt haben mag: Es waren doch Vergnügungen im wörtlichen Sinn!"

"Es ist eine große Tugend, sich nicht dadurch lähmen zu lassen, dass man sich selber bemitleidet und sich beklagt, sich nur als Opfer sieht. Man soll verstehen wollen und durch eigenes Handeln zur Änderung beitragen. Trotz allem hat die Welt unsere Liebe verdient, und der beste Beweis dafür ist die Erfahrung und Möglichkeit der Freundschaft - über alles hinweg."

"Verletzbar sind wir doch vor allem durch unsere Freunde. Bei unseren Feinden wissen wir ohnehin, womit wir zu rechnen haben."

"Nie in meinem Leben habe ich ein Volk oder ein Kollektiv "geliebt". Ich bin zur Liebe fähig nur gegenüber meinen Freunden."

"Ein Kennzeichen der Moderne und ihrer Perversion ist die stille, geregelte, schleichende Unterdrückung auf dem Verordnungsweg, die wir Bürokratie nennen. In ihr tritt Verwaltung an die Stelle der Regierung, die Verordnung an die Stelle des Gesetzes und die anonyme Verfügung eines Büros an die Stelle öffentlich-rechtlicher Entscheidungen. Für all dies können keine Personen mehr verantwortlich gemacht und zur Rechenschaft gezogen werden."

"Die Geschichte sollte nicht zu einem unabsehbaren, verhängnisvollen Strom bloßen Geschehens werden, von dem keiner weiß, wohin er fließt, der zu nichts führt und dient, der aber dem, der sich in Stromrichtung einschifft, die Illusion der Lebendigkeit verschafft."

"Was uns bevorsteht, ist die Aussicht auf eine Arbeitsgesellschaft, der die Arbeit ausgegangen ist, also die einzige Tätigkeit, auf die sie sich noch versteht. Was könnte verhängnisvoller sein?br>
Es ist ja eine Arbeitsgesellschaft, die von den Fesseln der Arbeit befreit werden soll, und die Gesellschaft kennt kaum noch vom Hörensagen die sinnvollen Tätigkeiten, um derentwillen die Befreiung sich lohnen würde."

"Der Ernst des Lebens, der darin besteht, durch Arbeit seinen Lebensunterhalt zu verdienen, würdigt heute alle anderen, "überflüssigen" Tätigkeiten, z.B. sich für das Gemeinwohl zu interessieren, nur noch zum Hobby, zum "Zeitvertreib" herab. Engagement hierfür wird höchstens noch in der Rolle des Konsumenten frei, der sich in seinen Ansprüchen verunsichert sieht."

"Wegen der Unabsehbarkeit des menschlichen Miteinander-Handelns und der Ungewissheit der Zukunft sind wir Menschen darauf angewiesen, zu vergeben und unsvergeben zu lassen und können uns nur stützen darauf, zu versprechen und Versprechen zu halten."

"Niemand kann zunächst nur sich selbst verzeihen, und niemand kann sich durch ein Versprechen gebunden fühlen, das er vor allem nur sich selbst gegeben hat. Dies sind Zeichen dafür, dass Leben eigentlich nur Miteinander-Leben meinen kann.

Nur wem bereits verziehen ist, kann sich selbst verzeihen; nur wem Versprechen gehalten werden, kann sich selbst etwas versprechen und es halten."

"Die Notwendigkeit zu verzeihen wird dem Umstand gerecht, dass jeder Mensch mehr ist als alles, was er tut oder denkt. Nur durch dieses Vergeben wird der Neubeginn zum Handeln möglich, den wir alle brauchen und der unsere Menschenwürde ausmacht."

"Dass Menschen nicht fähig sind, sich auf sich selbst zu verlassen, oder, was dasselbe ist, sich selbst vollkommen zu vertrauen, ist der Preis, mit dem sie dafür zahlen, dass sie frei sind; und dass sie nicht Herr bleiben über das, was sie tun, dass sie die Folgen nicht kennen und sich auf die Zukunft nicht verlassen können, ist der Preis, den sie dafür zahlen, dass sie mit anderen ihresgleichen zusammen die Welt bewohnen, der Preis mit anderen Worten für die Freude, nicht allein zu sein, und für die Gewissheit, dass das Leben mehr ist als nur ein Traum."

Ein Name für das Ganztagsgymnasium

Friedrich Holtiegel


Ganztagsgymnasium Barsinghausen, das ist seit Jahrzehnten ein klangvoller Name. Seit seiner Gründung am 15.8.1967 " im Zeichen des "Bildungsnotstands" " und seit seiner " sagen wir " Konfirmation im Jahre 1979 mit dem Abschluss des Schulversuchs und der Grundlegung des Konzepts "Offene Ganztagschule" trug das Ganztagsgymnasium über 20 Jahre einen unverwechselbaren Namen und war das einzige seiner Art in Niedersachsen. Gleichsam als Vorreiter hatte es mit seinem damaligen Leiter Dr. Wilhelm Wortmann einen nicht unerheblichen Anteil an der Schulentwicklung des Landes.

Abiturientinnen und Abiturienten aus 25 Jahrgängen zeigen mit Stolz den Namen Ganztagsgymnasium im Kopf ihres Abiturzeugnisses. Vielen jungen Leuten aus unserer Stadt bedeutet diese Schule ein Stück Heimat und Identität. Den Bürgerinnen und Bürgern Barsinghausens ist die Kurzform GTG ein vertrauter Begriff für ihr Gymnasium da oben am Spalterhals. Im Landkreis sowie im Regierungsbezirk Hannover und auch darüber hinaus wissen die Kundigen von diesem Ganztagsgymnasium

Aber es ist " zum Glück " nicht allein geblieben. Andere Ganztagsgymnasien wurden gegründet, auch ganz in unserer Nähe in Stadthagen, Hildesheim, Hannover, von den Ganztagsschulen anderer Schularten, wie ja auch hier in unserem Schulzentrum, ganz zu schweigen. Weitere Gymnasien stehen in der Warteschlange und bemühen sich um den Ganztagsstatus.

Denn das Konzept hat sich hier wie in anderen Bundesländern bewährt: der zusätzliche Förderunterricht, das große Angebot an Arbeitsgemeinschaft, die Hausaufgabenbetreuung in der Schule, das Mensa- und Freizeitangebot in der Mittagspause und nicht zuletzt der Freiraum für alle gemeinschaftsbildenden Belange in den Klassen, Interessengruppen, Jahrgängen und in der Schülervertretung.

Das Ganztagskonzept erweist sich auch heute, aus anderen Gründen zwar als in der Gründerzeit, als tragfähig, ja als zwingend. Kinder und Jugendliche brauchen in unserer Zeit des Überangebots an Konsum aller Art mehr Orientierung, Hilfestellung zur Selbstbehauptung, Angebote zur sinnvollen Lebensführung, als die Familien sie in der Regel bieten können. Sie brauchen in einer Zeit der Individualisierung, der Ichbezogenheit und der Isolierung ein Übungsfeld für soziales Verhalten und Gemeinsinn, für gemeinschaftliches Gestalten und Handeln. Sie brauchen in der Zeit der Auflösung der Wirklichkeit ins Virtuelle der Medien das konkrete, vielgestaltige und lebendige Gegenüber. Sie brauchen eine Schule, die mehr ist als Unterricht, in der das konzentrierte Lernen ergänzt und beflügelt wird vom gemeinschaftlichen als sinnvoll erlebten Arbeiten, Gestalten und Handeln.

Nun ist es nicht so, dass das Ganztagsgymnasium Barsinghausen das pädagogische Paradies wäre. Auch hier gibt es viel zu viele Beschränkungen; auch hier können die Lehrerinnen und Lehrer nicht all das umsetzen, was sie für sinnvoll halten. Wie anderswo auch gelingt es durchaus nicht immer, dass die Schülerinnen und Schüler das auch wahrnehmen, was die Schule ihnen zu bieten sucht.

Aber wir sind überzeugt, dass das Ganztagskonzept die Chance vergrößert, eine gute und zeitgemäße Schule zu sein. Wir sind stolz darauf, ein Ganztagsgymnasium zu sein, auch wenn wir nicht mehr das Ganztagsgymnasium sind. Das Ganztagskonzept bleibt Kern unseres Programms.

Wenn wir uns nun auf die Suche nach einem neuen Namen machten, der auch heute wieder unverwechselbar ist, besagt das nicht, dass damit etwas Anderes beginnen soll, sondern wir wollen das Bewährte mit einem neuen Impuls fortsetzen. Die Erweiterung des Namens, der neue Eigenname soll uns helfen, unser Programm als Ganztagsgymnasium weiter auszuschärfen.

Zu diesem Zweck schrieben wir vor einderthalb Jahren stadtweit den Wettbewerb "Ein Name für das Ganztagsgymnasium" aus. Es sollte ein Name sein, der "der Schule gut ansteht". Nur 15 Vorschläge wurden anfangs eingereicht. Eine Umfrage ergab dann die meisten Stimmen für Leonardo da Vinci und für Kopernikus, aber auch 36 neue Vorschläge. Die Jury, zu der neben Schülern, Eltern, unserem Bibliothekar und Lehrern auch die Schuldezernentin und der Bürgermeister gehörten, wählte aus den neuen Vorschlägen Immanuel Kant und Hannah Arendt hinzu, so dass ein Vorschlagspaket von vier Namen entstand. Die folgende Abstimmung in der Gesamtkonferenz ergab in einer Stichwahl eine deutliche Mehrheit für Hannah Arendt, ein Namensvorschlag, dem am 24.6.1999 der Rat der Stadt zustimmte.

Unsere Schule heißt jetzt Hannah-Arendt-Gymnasium Barsinghausen " Ganztagsgymnasium.

In der Tat nimmt dieser Name die Tradition des Ganztagsgymnasiums auf und bedeutet zugleich neue Herausforderung und Verpflichtung, sie in besonderer Weise fortzusetzen.

Hannah Arendt ist eine der bedeutenden Persönlichkeiten des ausgehenden Jahrhunderts. Aus der geschützten Welt des deutschen Bildungsbürgertums herkommend und hervorragend ausgestattet mit der Bildung ihrer Zeit, erlitt sie als Jüdin die Verfolgung durch die Nationalsozialisten und widmete ihr Leben und Wirken nach der Emigration der Aufgabe, das Geschehene zu verstehen und daraus Maßstäbe für ein menschenwürdiges Zusammenleben zu entwickeln. Ihre Gedanken bekommen gegenwärtig angesichts der Globalisierung von Wirtschaft und Politik, angesichts der explosiven Entwicklung der Kommunikationstechnologie und Biotechnik sowie der fortschreitenden Individualisierung der Gesellschaft eine erneute Aktualität und stellen sicher eine bleibende Herausforderung dar.

Die Beschäftigung und Auseinandersetzung mit Hannah Arendt, mit ihrem Lebensgang (in der Mittelstufe) und mit ihrem Werk (in der Oberstufe), führt uns also mitten hinein in die großen Fragen des 20. Jahrhunderts und unseres eigenen Lebens und Handelns. Hannah Arendt lässt vorschnelle Schlüsse nicht zu und verpflichtet uns, Urteilsfähigkeit jenseits aller Trends zu gewinnen. Ihre Texte sind anspruchsvoll, sie umfassen das abendländische Denken seit der Antike und spüren seinen Strömungen nach, die unser Leben noch heute und morgen bestimmen. Sie handeln nicht nur von Politik und Philosophie, sondern auch von Literatur, Geschichte und Wissenschaft. So wird die Beschäftigung mit ihrem Werk " das können wir jetzt, da wir noch am Anfang stehen, getrost sagen " in allen Fachbereichen der Schule eine Rolle spielen.

Und Hannah Arendt wird Widerspruch herausfordern. Das hat sie so gewollt. Sie eignet sich nicht zur Ikone. Sie fordert zum Selbstdenken, zum Weiterdenken heraus. "Mit Hannah Arendt gegen Hannah Arendt denken": das führt die Tradition des Ganztagsgymnasiums in neuer Akzentuierung fort.

Wichtiger noch als ihre Schriften und für die Schule prägender, so zeigt sich, ist der Mensch Hannah Arendt, ist ihre Haltung, mit der sie ihrer Zeit, ihren Zeitgenossen und ihrem Schicksal gegenübergetreten ist. Diese Haltung ergibt sich aus einem unerschrockenen Verstehen-Wollen, das sich nicht von den gängigen Strömungen und wirkenden Mächten vereinnahmen lässt.

"Verstehen", so schreibt sie im Vorwort zum Totalitarismus-Buch, "heißt nicht, das Empörende leugnen, das Beispiellose aus Beispielen ableiten oder Erscheinungen durch Analogien und Verallgemeinerungen so erklären, daß der Aufprall der Wirklichkeit und der Schock der Erfahrung nicht mehr fühlbar sind. Verstehen heißt vielmehr, die Last, die unser Jahrhundert uns auferlegt hat, untersuchen und bewußt ertragen, und zwar in einer Weise, die weder deren Existenz leugnet noch sich unter deren Gewicht duckt. Kurz gesagt: Verstehen heißt, unvoreingenommen und aufmerksam der Wirklichkeit, wie immer sie ausschauen mag, ins Gesicht zu sehen und ihr zu widerstehen."

Der so verstandene Leitsatz "Ich will verstehen": welch ein Leitsatz auch für Schülerinnen und Schüler unseres Ganztagsgymnasiums! Gemeint ist nicht "nur" das Verständnis eines mathematischen Problems, eines demographischen Diagramms oder eines fremdsprachlichen Textes (Aufgaben, die Hannah Arendt dem Bereich des Wissens zugezählt hätte), es geht um ein Verständnis der Kräfte, die unser Leben bestimmen, "wie es dazu kommen konnte". Wissen ist dazu allemal nötig; das ist unser Anspruch an die Schülerinnen und Schüler. Wir müssen die Anstrengungen auf uns nehmen, uns Wissen anzueignen; denn es ist Voraussetzung für das Verstehen.

Aber umgekehrt gilt für den Anspruch an die Schule auch dies: Wissen muss sich vor der Kategorie des Verstehens als relevant legitimieren. Hier liegt das eigentliche Kriterium für all das, was vermittelt werden soll. Mit Hannah Arendts Worten in "Understanding and Politics": "Wissen und Verstehen sind nicht dasselbe, aber sie sind miteinander verbunden. Verstehen ist auf Wissen gegründet, und Wissen kann nicht ohne vorausgehendes, unartikuliertes Verstehen vor sich gehen."

Getragen ist Hannah Arendts Haltung bei allem, was sie erleiden und miterleben musste, von einem unerschütterlichen Optimismus. Sie ist davon überzeugt, dass jeder Mensch die Chance zum Neuanfang in sich trägt. Jeder habe die Chance, Stellung zu beziehen, ja oder nein zu sagen. Muss nicht jede Schule ihre Schülerinnen und Schüler in dieser Weise begreifen und ernst nehmen? Müssen wir sie nicht anleiten, wie sie diese Chance wahrnehmen können? Dazu fordert Hannah Arendt zum einen die unerschrockene Selbständigkeit der Einzelnen, und sie lebt dies beispielhaft vor. Zum anderen lehrt sie, dass wir uns stets auf die anderen beziehen müssen, dass die verantwortbare Haltung erst in der Auseinandersetzung mit den anderen entsteht. Keiner hat die Wahrheit gepachtet. Wenn wir wir selber sein wollen, entdecken wir, aufeinander angewiesen zu sein. Gemeinsam müssen wir immer wieder um allgemeinverträgliche Lösungen ringen.

Das Ganztagsgymnasium Barsinghausen hat sich seit seinem Bestehen in besonderer Weise als Erfahrungsraum und Übungsfeld für solches Handeln verstanden. Gemeinsinn zu stiften, die Pluralität, das heißt das Selbstsein, die Eigenheiten der Einzelnen dabei nicht nur zu respektieren, sondern zu ermöglichen, das ist eine wahrhaft zeitgemäße Herausforderung, die ernst zu nehmen Hannah Arendt uns anleitet und vormacht. Das Hannah-Arendt-Gymnasium stellt sich die Aufgabe, die Schule in diesem Sinne als politischen Raum offenzuhalten.

Der neue Name soll uns bewegen; wir wollen uns bemühen, dass von Hannah Arendts Vorstellungen und Haltung einiges in dieser Schule lebendig wird und lebendig bleibt, so dass sie selbst sich in ihr zu Hause fühlen könnte, wie sie es im Gaus-Interview erklärt: "Ich will verstehen; und wenn andere Menschen verstehen " im selben Sinne, wie ich verstanden habe ", dann gibt mir das eine Befriedigung wie ein Heimatgefühl."

Ich danke allen aus den Reihen der Ehemaligen, der Schülerschaft, der Eltern, der Mitarbeiter und natürlich des Kollegiums, die in der Phase der ersten Annäherung mitgeholfen haben und mithelfen, die umfangreichen Materialien zu beschaffen und zu erschließen. Sie können hier nicht alle genannt werden.

Stellvertretend seien einige hervorgehoben, die eigentlich nichts mehr mit unserer Schule zu tun haben: Der Schülervater früherer Jahre Herr Dr. Werner Hill hat geduldig bei der Vorbereitung dieser Broschüre mitgearbeitet und selbst einen Beitrag für sie geschrieben. Herr Prof. Dr. Harald Homann, Abiturient des Jahrgangs 1975, kommt eigens aus Leipzig zu uns, um am Tage der Namensgebung mit Schülerinnen und Schülern der Oberstufe über die Bedeutung des neuen Namens zu sprechen. Thomas Knauer und Arne Kösel, die im Jahre 1993 am Ganztagsgymnasium ihr Abitur abgelegt haben, betreiben während ihres Studiums zusammen mit anderen eine Design-Firma: "Kono - Büro für Mediales". Wir freuen uns, dass sie sich so schnell bereit gefunden haben, für ihre "alte" Schule professionell ein Corporate Design zu entwickeln. Dies ist ein gutes Zeichen für den selbstverständlichen Übergang zu dem neuen Namen.

Ein wenig Wohlgefallen

Betrachtungen zur Umbenennung des GTG in 'Hannah-Arendt-Gymnasium' von Dr. Gesine Doernberg


Mit der Wahl der 1975 in Amerika gestorbenen Hannah Arendt zur Namenspatronin unserer Schule ehren wir eine Frau, die neben ihren vielen politischen und journalistischen Aktivitäten auch Philosophin war. Obwohl sie sich selbst nicht so bezeichnen wollte, zeigen doch ihre intensive Auseinandersetzung mit den Gedanken Heideggers, mit dem sie zu Beginn ihrer Entwicklung eng befreundet war, ihre gründliche Kenntnis der griechischen und abendländischen Philosophie, ihr Buch "Vita activa" sowie ihre letzte Veröffentlichung "Vom Leben des Geistes" ihre vielseitige philosophische Begabung.

Das GTG ist eine Schule mit philosophischer Tradition. Vor 27 Jahren begann hier der erste Philosophiekurs, der 1974 mit dem ersten Philosophieabitur in Niedersachsen abschloß. Während mehr als 10 Jahren wurde Philosophie sogar als Leistungsfach angeboten, ebenfalls eine einmalige Erscheinung in Niedersachsen. Bis heute ist das Fach Philosophie ein fester Bestandteil des Oberstufenangebots unserer Schule. In der Einführung, die wir den Schülern der 10. Klassen als Information über das Fach Philosophie geben, wird Philosophie so definiert: Der Gegenstand der Philosophie ist der Mensch als vernunftbegabtes Wesen. Als solches hat er zwei Fähigkeiten: er denkt und er handelt. Der Mensch denkt mit seiner Vernunft, d.h. er möchte die Welt verstehen, definieren, einordnen - kurz: erkennen. Dieses Streben des vernunftbegabten Menschen nennen wir daher in der Philosophie Erkenntnistheorie. Aber der Mensch muß sich auch immer aktiv mit der Welt auseinandersetzen, indem er in sie eingreift und sie zu verändern sucht. Hier kann er Erfolg haben, aber er kann auch viele Fehler machen. Die Frage, wie der Mensch sein Handeln beurteilen kann, welche Maßstäbe für sein Handeln gelten müßten, wenn er vernünftig darüber nachdenkt, ist Gegenstand der Ethik. Ethik als Teil der Philosophie fragt also nicht: Wie handelt der Mensch? Diese Frage zu beantworten, wäre Aufgabe der Psychologie oder der Soziologie. Ethik als Teil der Philosophie fragt, wonach der Mensch als vernünftiges Wesen sein Handeln beurteilen und lenken kann, so daß es positive Folgen für alle oder möglichst viele der Beteiligten hat.

Wir haben gesagt, Hannah Arendt war auch Philosophin. Aber ihr philosophisches Bemühen blieb auf den ethischen Teil der Philosophie beschränkt. Ihr Interesse galt nicht der Erkenntnistheorie oder gar der Metaphysik, die sie ablehnte. Ihre eigenwillige und emotionale Persönlichkeit und ihre Lebensumstände hatten sie zu einer politischen Praktikerin werden lassen, die die Philosophie nur dann zu Hilfe nahm, wenn ihr in der Praxis ein ethisches Problem begegnete, mit dem sie nicht zurechtkam. Unter dem Eindruck ihrer Erlebnisse während der Nazizeit und ihrer Beobachtungen im Eichmann-Prozeß hatte sie immer wieder das Problem beschäftigt, wie das Böse möglich sei und wie man es verhindern könne. Genau diese Frage war es, die sie am Ende ihres Lebens dazu veranlaßte, ein umfangreiches philosophisches Werk mit dem Titel "Das Leben des Geistes" zu verfassen, wobei sie "Geist" immer nur auf ethische Probleme bezogen versteht; sie möchte herausfinden, was der Geist (oder die Vernunft) in bezug auf die Unterscheidung von Gut und Böse leisten kann. "Geist" in diesem Sinne scheint ihr drei Tätigkeiten zu umfassen: das Denken, das Wollen und das Urteilen. Unter "Denken" versteht sie die Suche nach objektiven Kriterien im Bereich der Ethik. Ein solches Ziel ist ihr zu abstrakt, zu individuell und zu sehr mit. Metaphysik belastet, so daß sie sich nicht damit anfreunden kann. Unter "Wollen" versteht sie die Fähigkeit des Menschen, sich frei zu entscheiden. Auch hier hat sie ihre Bedenken, denn: Ist die Entscheidung wirklich frei? Entscheidet nicht oft der Zufall? Und wenn wir uns selbst entscheiden, nach welchen Maßstäben tun wir dies? Wegen dieser Zweifel scheint ihr die Beschäftigung mit dem Wollen ebenso wenig weiterzuführen. Aber was ist, mit dem Urteilen, der dritten von ihr genannten Fähigkeit des Geistes? "Urteilen" bedeutet für sie, daß man bei der Bewertung einer Situation zunächst von seinen eigenen Gefühl (Sympathie, Antipathie etc.) ausgeht und dieses dann daraufhin befragt, ob es die Billigung der Gemeinschaft finden könnte, in der man lebt. Um die Einbeziehung des Gefühls auszudrücken, die ja bei dem, was sie Denken und Wollen nennt, im allgemeinen fehlt, bezeichnet Hannah Arendt diese Urteile oft auch in Anlehnung an Kant Geschmacks- oder ästhetische Urteile. Durch diese ästhetische Urteilsfähigkeit, die ja mit zum Leben des Geistes gehört, scheint Hannah Arendt die Verbindung zwischen Denken und Wollen möglich, nach der sie immer gesucht hatte. Sie fand diese Lösung erst ganz am Ende ihres Lebens, so daß sie das Buch über das Urteilen nicht mehr vollenden konnte; es ist sozusagen ihr philosophisches Vermächtnis.

Im folgenden möchte ich die wichtigsten Elemente des ästhetischen Urteilens, wie Hannah Arendt es auffaßt, darstellen.

Sie vergleicht das Leben mit einem Theaterspiel, in dem es Akteure und Zuschauer gibt. Der Akteur, der in dem Stück mitspielt, konzentriert sich auf das Handeln; er agiert aus der emotionalen Gestimmtheit seiner eigenen Rolle heraus, durch die auch seine Perspektive bestimmt wird. So kann er immer nur einen Teilaspekt der gesamten Handlung des Stückes wahrnehmen. Der Zuschauer dagegen betrachtet das Stück aus der Distanz und kann das Ganze überblicken. Um aber zu sagen, ob ihm das Stück gefällt, muß er auch zugleich innerlich beteiligt sein. Eine solche Beteiligung verschafft ihm die Einbildungskraft, mit deren Hilfe er sich in die Situation der Akteure hineinversetzen kann.

Die Einbildungskraft ist nach Hannah Arendt die Fähigkeit, die es dem Menschen ermöglicht, das Leben sowohl distanziert als auch engagiert zu sehen. Dem von einer Situation unmittelbar Betroffenen - dem Akteur - hilft die Einbildungskraft im Nachhinein zu einer distanzierteren Betrachtung, wenn er das Ereignis in der Erinnerung noch einmal durchlebt. Dem Zuschauer, der eine Situation von außen wahrnimmt, hilft die Einbildungskraft, sich in die Lage der Beteiligten hineinzuversetzen und mit ihnen zu fühlen.

Durch die Tätigkeit der Einbildungskraft, die, wie gezeigt, zwischen emotionaler Nähe und Distanz zu einem Ereignis vermittelt, ist es nun möglich, ein Geschmacksurteil zu fällen. Das Geschmacksurteil beantwortet die Frage: "Kann ich das Gefühl, das ich in dieser Situation an mir beobachte, billigen?" Diese Billigung fließt nach Hannah Arendt nicht aus hehren metaphysisch-ethischen Erwägungen, sondern aus dem Gemeinsinn. Immer, wenn eine Diskrepanz auftritt zwischen dem, was ich tatsächlich fühle, und dem, was ich nach der Vorstellung meiner Umgebung fühlen sollte, muß mein eigenes Gefühl als problematisch beurteilt werden, d.h. es gefällt mir selber nicht, da ich es nicht billigen kann. Arendt gibt das Beispiel eines Menschen, der sich über den Tod seines Vaters freut. Falls er sich dieses Gefühl überhaupt zugibt, wird er es doch nicht billigen können, da der Gemeinsinn in dieser Situation ein anderes Gefühl erwartet. Der Gemeinsinn ist daher auch der beste Schutz gegen das Böse, denn das Böse scheut die Gemeinschaft, es wirkt im Verborgenen, oder, wie sie es nennt: "insgeheim".

Die Gemeinschaft der Menschen, die den Gemeinsinn ermöglicht, ist nach Hannah Arendt die Wurzel aller positiven Gefühle und die allerwichtigste Voraussetzung des Menschseins überhaupt. Um dies zu zeigen, zitiert sie die von Kant angeführte Geschichte von "Carazans Traum". Der reiche Carazan war geizig und haßte seine Mitmenschen, hielt sich jedoch an die Religion und betete oft. Eines Tages träumte er, er sei gestorben und Gott habe seinen Gottesdienst verworfen, da er nur für sich selbst gelebt habe. Zur Strafe sollte er ewig allein und von aller Gemeinschaft ausgestoßen leben:

"In diesem Augenblicke ward ich durch eine unsichtbare Gewalt fortgerissen und durch das glänzende Gebäude der Schöpfung getrieben. Ich ließ bald unzählige Welten hinter mir. Als ich mich dem äußersten Ende der Natur näherte, merkte ich, daß die Schatten des grenzenlosen Leeren sich in der Tiefe vor mir herabsenkten, ein fürchterliches Reich von ewiger Stille, Einsamkeit und Finsternis. Unaussprechliches Grausen überfiel mich bei diesem Anblick. Endlich erlosch der letzte glimmende Schein des Lichtes des letzten Sterns in der äußersten Finsternis. Die Todesängste der Verzweiflung nahmen mit jedem Augenblicke zu, so wie jeder Augenblick meine Entfernung von der letzten bewohnten Welt vermehrte." (Aus: I. Kant: Beobachtungen über ein Gefühl, Anm.)

Erst das Leben in der Gemeinschaft ermöglicht es also dem Menschen nach Hannah Arendt, den Gemeinsinn, d.h. ein Gefühl für das allgemein gebilligte Übliche zu entwickeln. Dabei lehnt sie es ab, diesen Gemeinsinn mit hohen ethischen Instanzen, Prinzipien oder Gesetzen in Verbindung zu bringen; ihrer Meinung nach ist dieser Gemeinsinn nichts weiter als ein positives Gefühl für das, was sich im Umgang der Menschen untereinander bewährt hat und zur Erhaltung der Gemeinschaft dient. Ähnlich wie die Einbildungskraft zwischen Nähe und Distanz vermittelt, so vermittelt der Gemeinsinn zwischen dem Subjektiven und dem Objektiven. Denn das Geschmacksurteil, das aus dem Gemeinsinn fließt, ist nicht rein objektiv (denn dann müßte es auf ein Gesetz bezogen sein); es ist aber ebenso wenig rein subjektiv (denn dann würde das Korrektiv der Billigung fehlen); es nimmt vielmehr eine Zwischenposition ein, die Hannah Arendt als "intersubjektiv" bezeichnet. So steht das Geschmacksurteil zwischen dem objektiven "Denken" und dem subjektiven "Wollen". Denn wenn wir uns in Freiheit (also ohne äußeren Zwang) für eine Handlung entscheiden, d.h. wenn wir etwas "wollen", so wird diese Entscheidung immer auch durch Gefühle, etwa der Sympathie oder Antipathie, bestimmt. Wenn wir aber wissen wollen, ob unsere Entscheidung richtig ist, so müssen wir sie nach Hannah Arendt im Nachhinein "denkend" billigen, indem wir sie daraufhin prüfen, ob sie dem Gefühl der anderen Mitglieder unserer Gesellschaft entspricht.

Und schließlich ist das ästhetische Urteil ein Geschmacksurteil, d.h. das Gefühl wird nicht unterdrückt, sondern zu einem Wert erhoben. Hannah Arendt nimmt ihre eigenen Gefühle und die ihrer Mitmenschen ernst. Sie sucht nach einer Ethik, die sich nicht nach objektiven Gesetzen und abstrakten Normen richtet, sondern nach dem Gemeinsinn, dem Gefühl aller. Mit diesen Gedanken nimmt sie Vorstellungen vorweg, die wir heute aus der feministischen Ethik kennen. Die philosophische Position der feministischen Ethik, bei deren Darstellung ich im wesentlichen den Gedanken von Monika Krah-Schulte in ihrem Aufsatz "Fürsorglichkeit versus Gerechtigkeit" (1995) folge, geht davon aus, daß die bisherige Ethik, wie sie in der philosophischen Tradition vertreten wurde, eine von Männern stammende und auf Männer bezogene ("androzentrische") Denkweise voraussetzt, die an den Erfordernissen des Allgemeinen und an den Vorstellungen von Gerechtigkeit und Pflichterfüllung orientiert sei. Dagegen sei das weibliche Orientierungsmuster eher auf Eingebundenheit, Anteilnahme und persönliche Beziehungen ausgerichtet, und die weibliche Moral rücke auf dem Hintergrund von Mutter-Kind-Beziehungen Werte wie Fürsorglichkeit und Anteilnahme ins Zentrum. Je nachdem, ob eine Situation gerechtigkeitsbezogen oder fürsorgebezogen beurteilt werde, werde sie unterschiedlich wahrgenommen. Monika Krah-Schulte versucht nun, diese beiden unterschiedlichen Wahrnehmungsweisen zu einer Synthese zu bringen und möchte eine Ethik entwerfen, in der

"männliches und weibliches Moralverständnis so integriert sind, daß sie weder miteinander konkurrieren, noch einander über- bzw. untergeordnet werden, sondern als zwei gleichermaßen unverzichtbare Bausteine einer wahrhaft menschlichen Moral fungieren."

Erinnert dieses Ziel nicht sehr an Hannah Arendts ethisches Vermächtnis? Sie versucht, das Allgemeine, ohne das ja keine Ethik möglich ist, in abgemilderter Form durch die auf den Gemeinsinn bezogene Urteilskraft in ihre Ethik zu integrieren. Dabei beruft sie sich auf Kant, der diese Urteilskraft allerdings nicht auf den Bereich der Ethik, sondern auf den ästhetischen Bereich bezieht.

Die Kritiker der feministischen Ethiksynthese Krah-Schultes geben zu bedenken, daß sich die beiden Ansätze, die die feministische Ethik zu einer "menschlichen Moral" vereinigen möchte, grundsätlich ausschließen. Vom Standpunkt der Gerechtigkeitsperspektive aus sei die Fürsorglichkeitsperspektive keine ethische Möglichkeit, denn ethische Urteilsfindung könne nicht von Gefühlen wie Fürsorglichkeit und Anteilnahme abhängen. Gefühle seien immer subjektiv, und eine ethische Perspektive, die dem Gefühl folge, enthalte keine moralische Verbindlichkeit. Wenn diese Kritik zutrifft, und sie scheint plausibel, müßte auch das intersubjektive Ethikkonzept Hannah Arendts als problematisch angesehen werden. Es ist eben wohl doch nicht möglich, ethische Urteile als Geschmacksurteile aufzufassen, selbst wenn die Subjektivität des eigenen Gefühls durch die Abgleichung mit den Gefühlen der anderen Menschen zur Intersubjektivität gemildert wird. Denn auch die Gefühle der Gemeinschaft sind manipulierbar. Nur indem die Gefühle der einzelnen sich immer wieder am Leitstern objektiver, gefühlsfreier Vernunftprinzipien wie Gerechtigkeit oder Menschenwürde orientieren, können sie ethische Stabilität gewinnen.

Trotzdem aber hat Hannah Arendt durch ihre letzten Gedanken auf ein Problem hingewiesen, das in der Philosophie heute eine immer größere Rolle spielt und auf das wir auch im Philosophieunterricht ein stärkeres Augenmerk richten sollten. Denn wenn auch wohl das Geschmacksurteil nicht dazu geeignet ist, unmittelbar zur ethischen Richtschnur zu dienen, so besitzt es doch eine mittelbare Beziehung zur Ethik, und zwar auf dem Umweg über das Schöne. Das ästhetische Urteil, etwas sei schön, kommt nach Kant genau auf dem Wege über Einbildungskraft, Billigung und Gemeinsinn zustande, den Hannah Arendt für ethische Urteile gehen möchte. Damit kann die Schönheit genau jene Vermittlerin zwischen subjektiv und objektiv, zwischen "Wollen" und "Denken" sein, nach der Hannah Arendt sich sehnte. Für Kant ist das Schöne das Symbol des sittlich Guten. Denn wenn ich mich über etwas freue, ohne es gleich haben oder nutzen zu wollen, so ist dies ähnlich, wie wenn ich gerecht sein will unabhängig davon, ob mir der betreffende Mensch persönlich etwas bedeutet oder nicht. Aber das Schöne kann stets nur ein Symbol für das sittlich Gute sein, weil das Urteil über die Schönheit anders als dasjenige über das Gute immer noch mit Gefühlen verbunden bleibt.

Was lernen wir nun aus dem Ansatz Hannah Arendts für den Philosophieunterricht am Hannah Arendt-Gymnasium? Die Jugendlichen, besonders die Mädchen, haben wie Hannah Arendt ein starkes Bedürfnis danach, ihre Gefühle zu äußern und ernstgenommen zu wissen. Forscher haben sogar festgestellt, daß unsere gesamte Gesellschaft sich dahin entwickelt, eine von ästhetischen Kriterien geprägte Spaßgesellschaft zu werden. Dem sollten wir im Philosophieunterricht Rechnung tragen, indem wir mehr als bisher Gefühlen Raum geben und den Jugendlichen z.B. die Schönheit auch durch Erleben nahebringen. Jedoch dürfen wir dabei nicht stehenbleiben. Wie Hannah Arendt, um ihre subjektiven Gefühle auf eine allgemeinere Ebene zu heben, die Philosophie Kants zu Hilfe nahm, müssen auch wir im Philosophieunterricht immer wieder versuchen, vernunftbezogene Orientierungsbahnen zu finden, die unsere Gefühle regeln und uns zu rational begründbaren Aussagen über die Welt befähigen können.

Aber, wie gesagt, wir sollten auch daran denken, daß die Namenspatin unserer Schule eine Anwältin dafür war, das kleine Wohlgefallen am Schönen der Welt nicht zu vergessen. Wenn wir das Leben mit dieser Philosophin betrachten, können wir lernen, kleinen Zufällen heiter zu begegnen und sie schön zu finden, und wir können uns freuen, wenn einzelne unserer Mitmenschen Entscheidungen fällen, die wir für richtig halten, und wenn sie so handeln, wie wir auch gerne handeln würden. Nicht die klare Luft der Abstraktion ist Hannah Arendts Vermächtnis, sondern die Bescheidung in der Freude am Kleinen, Unvollkommenen. So lautet ihr Credo kurz vor ihren Tode:

"Erst das Geschmacksurteil erlaubt es uns, aus den Zufälligkeiten des Lebens und den freien Taten der Menschen ein wenig Wohlgefallen zu ziehen."

Mut und Wahrhaftigkeit

Anmerkungen zu Hannah Arendts Leben und Denken von Werner Hill


Nomen est omen. Wenn eine Schule sich den Namen Hannah Arendt gibt (oder nimmt sie sich ihn?), muß sie auch etwas von dem übernehmen (und es weitergeben), was mit dem Namen dieser Frau mehr als alles andere verbunden ist: die Tugenden des Mutes und der Wahrhaftigkeit - denn sonst bliebe der Name nur ein Etikett.

Nomen est omen. Wenn eine Schule sich den Namen Hannah Arendt gibt (oder nimmt sie sich ihn?), muß sie auch etwas von dem übernehmen (und es weitergeben), was mit dem Namen dieser Frau mehr als alles andere verbunden ist: die Tugenden des Mutes und der Wahrhaftigkeit - denn sonst bliebe der Name nur ein Etikett.

Obwohl sie Jüdin ist, kritisiert sie den Ablauf des Eichmann - Prozesses; ihre amerikanische Staatsbürgerschaft hindert sie nicht daran, den Ablauf der Entnazifizierung im besiegten Hitlerdeutschland als ungerecht anzuprangern. Sie ist gegen den Zionismus, der nach ihrer Überzeugung einen jüdischen Staat nur auf Kosten der in Palästina lebenden arabischen Bevölkerung durchsetzen kann, lehnt ein Leben im Kibbuz ab, weil man dort zu starker sozialer Kontrolle durch die Mitbewohner unterliege, nennt ihren früheren Geliebten Martin Heidegger wegen dessen Verstrickung in den Nationalsozialismus charakterlos und verlogen - und immer wird sie das nur mit Schmerzen getan haben, Schmerzen, die sie als Jüdin, als Amerikanerin, als immer noch Liebende empfand.

Hannah Arendt lehnt jeden Anspruch auf absolute Wahrheit, also die Geltung irgendwelcher Ideologien ab, verlangt auch von niemandem, daß er ihre Gedanken akzeptiere, hält aber ihren Anspruch auf Wahrhaftigkeit gegen alle Anfeindungen und Unterstellungen durch. Man fragte sie, ob sie denn ihr jüdisches Volk nicht liebe, unterstellend: wenn sie es liebte, hätte sie doch ihre Beobachtungen im Eichmann - Prozeß für sich behalten oder anders kommentieren müssen.

Was Hannah Arendt in Jerusalem bei der Beweisaufnahme gegen einen der Hauptverantwortlichen für den Holocaust gehört hatte, war grundsätzlich nicht neu, konnte man in Büchern zum Teil schon nachlesen und war Gegenstand vieler Akten von NS - Gewaltverbrecherprozessen: Juden hatten mitgewirkt an der Vernichtung ihres Volkes. Genauer gesagt: sie waren zur Mitwirkung gezwungen worden. Es gab Judenräte und jüdische Ordnungsdienste in den Ghettos mit Organisations- und Uniformvorschriften, die einer preußischen Einheit angemessen gewesen wären. Sie benutzten von Deutschen erbetene Gummiknüppel. Hannah Arendt schrieb (in Eichmann in Jerusalem), ohne die Mithilfe von Juden bei Verwaltungs- und Polizeimaßnahmen wäre es wohl kaum möglich gewesen, Hunderttausende von Juden zu vernichten: "Diese Rolle der jüdischen Führer bei der Zerstörung ihres eigenen Volkes ist für Juden zweifellos das dunkelste Kapitel in der ganzen dunklen Geschichte."

Hannah Arendt schreckte nicht davor zurück, auch entsetzliche Details dieser "Zusammenarbeit" auszubreiten und knüpfte daran die Frage, warum die Juden "die Mitarbeit an der Zerstörung des eigenen Volkes und letztlich an ihrem eigenen Untergang nicht verweigert hätten". Nicht "Mut zum Widerstand" forderte sie (nachträglich), sondern Verweigerung, schlichtes Nicht - Mitmachen. Für sie war durch die Beteiligung von Juden am Massenmord eine Grenze überschritten, die nicht hätte überschritten werden dürfen. Überdies beunruhigte sie, daß einige der jüdischen Führer - sie nannte sie auch beim Namen - davongekommen waren und nun zum Teil "in hohen und höchsten Positionen" in Israel säßen.

Eine "Nestbeschmutzerin" also. Auf die Frage nach der Liebe zu ihrem Volk antwortete sie: "Ich habe nie in meinem Leben irgendein Volk oder Kollektiv >geliebt<, weder das deutsche, noch das französische, noch das amerikanische, noch etwa die Arbeiterklasse oder was es sonst noch so gibt. Ich liebe in der Tat nur meine Freunde... Ich kann in der ganzen Frage nur eine Sache zugeben, nämlich, daß Unrecht, begangen von meinem eigenen Volk, mich selbstverständlich mehr erregt als Unrecht, das andere Völker begehen."

Eine Antwort, die an die des ehemaligen Bundespräsidenten Gustav Heinemann erinnert: er liebe nicht den Staat, sondern seine Frau. Wer das sagt, macht dem anderen deutlich, daß er eine falsche Frage gestellt habe und die Realität nicht zur Kenntnis nehmen wolle. Die Juden wollten es nicht, die Deutschen noch viel weniger. Als Hannah Arendt 1949/50 zum ersten Mal wieder nach Deutschland kam, registrierte sie eine "erschreckende Realitätsflucht": Selbst die unbestreitbarsten Verbrechen der Nazis würden verdrängt, als bloße Möglichkeiten hingestellt: "Man fühlt sich erdrückt von einer um sich greifenden öffentlichen Dummheit, der man kein korrektes Urteil in den elementarsten Dingen zutrauen kann und die es beispielsweise möglich macht, daß in einer Zeitung die Klage angestimmt wird: >Die ganze Welt hat uns wieder einmal sitzen lassen<.

Das Böse ist eine Folge der Dummheit, es ist "banal", zeigt sich in gedankenlosem Gehorchen und freiwilligem Abschiednehmen vom Denken: das ist Hannah Arendts provozierende These. Belegstücke für die Banalität des Bösen fand Hannah Arendt überall; eines war Eichmann. Karl Popper hat in Hannah Arendts Formel eine unbewußte Verteidigung Heideggers gesehen, weil der natürlich denken konnte und also auch nicht böse gewesen sein kann.

Dieser Einwand des österreichisch - englischen Philosophen geht an der Realität vorbei. Nicht wenige deutsche Professoren, denen man Denkfähigkeit gewiß nicht absprechen kann, haben Hitlers Wahnideen in ihre Wissenschaft übernommen und damit diese und sich selbst vergiftet. Indem sie sich zur Dummheit überreden ließen, wurden sie "böse" und banal.

Hannah Arendt kennt das Schicksal derer, die den Mut haben, das mit dem Vorsatz unbedingter Wahrhaftigkeit Ergründete öffentlich auszusprechen. Sie zitiert den englischen Philosophen Thomas Hobbes: Die Menschen heißen die Wahrheit nur willkommen, wenn sie niemandes Vorteil oder Vergnügen beeinträchtigt. Und sie fügt hinzu: "Die moderne Geschichte ist voll von Beispielen, in denen die einfache Berichterstattung als gefährlicher und aggressiver empfunden wird als feindliche Propaganda."

Daß die Wahrheit in autoritären Regimen brutal unterdrückt wird, gehört sozusagen per Definition dazu. Daß auch in Demokratien organisiert gelogen und desinformiert wird, zeigten "Pentagon Papers", in denen Hintergründe des Vietnam - Krieges aufgedeckt wurden; Hannah Arendt verarbeitete sie zu einem Essay über die "Lüge in der Politik". Das einzige, was dagegen helfen kann, daß selbst eine so mächtige Figur wie der amerikanische Präsident Opfer totaler Manipulation durch den gewaltigen Apparat von "Beratern" wird, die "die Informationen sieben ... und die Welt für ihn interpretieren", ist eine freie und mutige Presse, sind Menschen, die sich nicht einschüchtern lassen, die "lieber ins Gefängnis gehen würden als zusehen, wie ihre Rechte und Freiheiten immer weiter beschnitten werden".

Die Wahrheit darf weder um einer "Staatsräson" willen oder zu dem Zweck, eine Ideologie, Weltanschauung und dergleichen unangetastet zu lassen, verdrängt oder verbogen werden. Es muß vor allem möglich sein, öffentlich um die Wahrheit zu ringen. Hannah Arendt bezieht sich dabei auf Kant: Diejenige äußere Gewalt, welche die Freiheit, seine Gedanken öffentlich mitzuteilen, den Menschen entreißt, nimmt ihnen auch die Freiheit zu denken. Die einzige Garantie für die "Richtigkeit" unseres Denkens liege darin, sagt Hannah Arendt mit Kant, daß wir gleichsam in Gemeinschaft mit anderen, denen wir unsere und die uns ihre Gedanken mitteilen, denken.

Von der Vernunft muß man öffentlichen Gebrauch machen. Kritik nur im stillen Kämmerlein, im vertrauten Freundeskreis äußern zu können, ist nicht das, was Freiheit bringt und Demokratie erhält. Meinungsäußerungsfreiheit ist konstitutiv für unser Gemeinwesen: das Bundesverfassungsgericht hat es mehrfach gesagt. Aber ein Verfassungsprinzip ist noch nicht automatisch politische und gesellschaftliche Realität. Ist das Meinungsspektrum in der Bundesrepublik wirklich so groß, wie es sein sollte und könnte? Gibt es nicht zuviel Anpassung? Erstickt die Sorge vor dem Verlust des Arbeitsplatzes, der Drang zur Karriere nicht die Freiheit des Denkens? Es muß nicht immer Heldenmut sein, aber man darf sich auch nicht alle Offenheit selbst verbieten - das beugt die Seele und demontiert die Demokratie.

Hannah Arendt empfiehlt das "Denken ohne Geländer", d.h ohne die Handläufe der Ideologien, Patriotismen und Doktrinen. Sie hat wenigstens eine Vermutung, daß der, der wirklich denkt, sich damit selbst immunisiert gegen das Böse in ihm, gegen die Versuchung, böse zu handeln: "Der Mensch, sofern er denkt, kann es sich nicht leisten, Unrecht zu tun, weil er die Integrität des Partners im schweigenden Dialog mit sich selbst intakt halten muß, will er nicht die Fähigkeit zu denken und damit auch zu philosophieren, ganz und gar verlieren."

Denken ist ein Vorgang im einzelnen Menschen, ein dialektisches Hin - und Her zwischen zwei internen Partnern, aber wenn es zur Wahrheit vorstoßen will, bedarf es des externen Gegenübers. Da ist sich Hannah Arendt einig mit ihrem Lehrer Karl Jaspers: Wahrheit entsteht durch Kommunikation. Für Jaspers ist das nicht nur etwas Faktisches, sondern ein existentieller Vorgang - Wahrheit und Kommunikation verschmelzen begrifflich miteinander. Der Philosoph verläßt den Elfenbeinturm und versucht so zu sprechen, daß alle ihn verstehen. Hannah Arendt sagt dazu: "Jaspers zahlreiche Äußerungen nach dem Kriege zeigen alle eine fast vorsätzliche Neigung zum Popularisieren..., sie sind geleitet von der Überzeugung, daß Vernunft und existentielles Betroffensein in allen Menschen gleich ist, daß Philosophie an alle appellieren kann. Philosophisch gesprochen war das nur möglich, weil Wahrheit und Kommunikation als dasselbe angesetzt werden."

So ähnlich würde es Bill Gates heute vielleicht auch sagen. Aber ist "Kommunikation" im Sinne von Jaspers etwas, was den Vorstellungen der Netzbetreiber unserer Tage vergleichbar ist? Welche Chancen hat die Wahrheit, sich gegen die Sturmflut der bits und bytes zu behaupten und in den Taktfrequenzen nicht unterzugehen? Als Hannah Arendt und Karl Jaspers sich nach dem Kriege in Deutschland wiedertrafen, führten sie einmal durch zehn Tage hindurch ein einziges Gespräch, und sie war fasziniert von Jaspers" "herrlicher Genauigkeit des Zuhörens, der ständigen Bereitschaft, Rede und Antwort zu stehen, der Geduld, bei der einmal besprochenen Sache zu verweilen".

Von Platons Schule von Athen bis zu den Dialogen von Hannah Arendt und Karl Jaspers reicht der Strang abendländischer Freude an und Liebe zur Wahrheit. Vergessen wir nicht, daß diese Liebe Anstrengung des Geistes und methodische Strenge zur Voraussetzung hat und daß sie immer wieder den Anfeindungen der Doktrinäre und Tyrannen ausgesetzt war. Vielleicht steht der Wahrheitssuche durch Kommunikation die eigentliche Bewährungsprobe noch bevor, vielleicht beginnt sie gerade jetzt, wo man die Kommunikation geradezu in den Himmel hebt, sie hätschelt und als Allheilmittel propagiert. Es könnte sein, daß die Verabsolutierung der Kommunikation ihren Wert für Mensch und Gemeinwesen aufhebt, weil nach der Wahrheit niemand mehr fragt, wenn Kommunikation schon alles ist. Das jedenfalls wäre, im Sinne von Hannah Arendt und Karl Jaspers, öffentlich zu erörtern.