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Die Notwendigkeit der Erinnerung

Musik zur Ausstellungseröffnung Sonderzüge in den Tod am 12. September 2011 in Stadthagen

Zwölf Waggons waren es, und wir waren sechshundertundfünfzig; mein Waggon fasste nur fünfundvierzig, aber er war klein. Jetzt hatten wir also vor unseren Augen und unter unsern Füßen einen jener berüchtigten deutschen Transportzüge, die nicht wiederkehren und von denen wir, erschaudernd und immer etwas ungläubig, schon so oft gehört hatten. Es stimmte bis in alle Einzelheiten: von außen verriegelte Güterwagen, und drinnen Männer, Frauen und Kinder, erbarmungslos zusammengedrängt wie Dutzendware, auf der Fahrt ins Nichts, auf der Niederfahrt in die Tiefe. Drinnen sind dieses Mal wir.

Die Notwendigkeit der Erinnung - "Sonderzüge in den Tod"

So erinnert sich der Holocaust-Überlebende Primo Levi in seinem autobiographischen Bericht Ist das ein Mensch? an seine Deportation ins Vernichtungslager Auschwitz. Die damalige Reichsbahn - Vorgänger der heutigen Deutschen Bahn - war durch ihre Menschentransporte in die Konzentrations- und Vernichtungslager entscheidend an der massenhaften Ermordung der jüdischen Bevölkerung während des Dritten Reiches beteiligt. Die Wanderausstellung Sonderzüge in den Tod der Deutschen Bahn dokumentiert diese alltägliche institutionelle Verstrickung und stellt sich damit einer Pflicht zur Erinnerung. Bei der Ausstellungseröffnung am 12. September 2011 in der Zehntscheune in Stadthagen, an der neben einem Philosophiekurs des Ratsgymnasiums Stadthagen auch ein Kammerorchester aus Schülerinnen und Schülern des HAG beteiligt war, griffen photographische Dokumentation, literarisches Zeugnis und musikalische Erinnerung ineinander. Die Ausstellung mit ihren photographischen Portraits und Dokumenten versucht, den Deportierten wiederzugeben, was ihnen die Nationalsozialisten durch die Abfertigung als "Dutzendware" in Güterwagen und Stückzahlen, durch die Auflistung in scheinbar endlosen Reihen kaum zu fassender Namenslisten und die Enteignung von allen persönlichen Gegenständen bewusst genommen haben: Den Anspruch auf die Wahrnehmung als Individuum mit eigenen Bedürfnissen, Wünschen und einer persönlichen Geschichte - zusammengefasst ein Recht auf die Anerkennung der jedem Menschen zukommenden Würde.

Vielfach haben Literatur, Politik, Wissenschaft und Philosophie versucht, die durch Entsetzen und Unbegreiflichkeit hervorgerufene Sprachlosigkeit zu überwinden. Entstanden sind schließlich autobiographische Zeugnisse, wie das von Primo Levi, aber auch Gedichte, die trotz des Adorno-Diktums, nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben sei "barbarisch", versuchen, die Ereignisse künstlerisch zu verarbeiten. Wolf Biermann versucht in seiner Übertragung von Schon wieder die Waggons: da sind sie des in Auschwitz ermordeten Literaten Jizchak Katzenelson dem Ausdrucksgehalt des jiddischen Originals nahezukommen:

Ich will nicht. Furcht und Schrecken. Das Entsetzen macht mich wild Schon wieder die Waggons. Grad gestern abend weg, heut wieder hier So stehn sie auf dem Umschlagplatz, siehst du ihr offnes Maul? Ein Bild Wie lauter aufgerissne Rachen. Dieser Zug ist wie ein Tier Gefräßig sind all die Waggons und furchtbar nimmersatt. Gelabt Hab'n sie sich an dem Judenfraß, sie knurren: Her damit, her! her! Heißhunger haben die Waggons, als hätten sie noch nix gehabt Sie wollen Juden fressen. Mehr! Und mehr und immer mehr

Das Kammerorchester unter der Leitung von Susanne Klees und Alban Peters verknüpfte die sehr unterschiedlichen literarischen Texte, die von Empörung und Verzweiflung herausschreienden Anklageschriften (Primo Levi: Anklage) bis hin zu Theaterszenen reichten, in denen scheinbar emotionslos mitleidslose und sich ihrer Schuld unbewusste Täter als Angeklagte oder Zeugen befragt werden (Peter Weiss: Die Ermittlung). Die Musik fügte den Dokumenten und Texten noch eine weitere Ebene hinzu: Unaussprechlich bleibt der Gegensatz zwischen der fröhlichen, traditionellen Klezmer-Musik Mazeltov zur Hochzeit und den geschilderten Ereignissen, unbegreiflich die Gnadenlosigkeit, mit der stampfende Eisenräder in den minimalistischen Patterns von Steve Reichs Different Trains die Zeitzeugenberichte Überlebender zerstückeln, schockierend die plötzliche Stille zu den Worten "Flames going up to the sky - it was smoking", die den Bestimmungsort der Zugfahrt im selben Stück eindeutig kennzeichnen.

Die wichtigste Botschaft des Abends lag vielleicht in dem das Konzert beschließenden jüdischen Oifn Pripetschik, das - wehmütig und tröstlich zugleich - den Wunsch nach Frieden (und nicht etwa das Verlangen nach Vergeltung) als zentrales Anliegen hervorhebt.

A. Peters

Zum Anhören: Akustischer Rundgang durch die Ausstellung.

Die Ausstellung fand im Rahmen der Veranstaltungsreihe "Die Notwendigkeit der Erinnerung" des Fördervereins ehemalige Synagoge Stadthagen in Kooperation mit der GEW Schaumburg, der VHS Schaumburg und der Alten Polizei Stadthagen unter der Schirmherrschaft von Landrat Jörg Farr statt.