• Juniorwahl 2022

    Wie bereits zu den Bundestagswahlen 2017 und 2021 findet auch dieses Jahr wieder die Juniorwahl, parallel zur Landtagswahl statt. Organisiert von Herrn Bar und umgesetzt von den beiden Q1 Leistungskursen Politik-Wirtschaft von Frau Pfeiffer und Frau Schüler, erhalten alle Schüler:innen der Jahrgänge 9 – Q2 (9-13) die Möglichkeit der Teilnahme an der Juniorwahl.

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  • Herbstmarkt am HAG

    Zum Herbstmarkt laden Schülerinnen und Schüler des Abiturjahrgangs für Sonnabend, 8. Oktober, ins Hannah-Arendt-Gymnasium ein. Neben dem fast schon traditionellen Flohmarkt sind vielfältige herbstliche Angebote geplant. Beginn ist um 10 Uhr.

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Philosophie - Projekte

Rede zum Volkstrauertag 2021

Am 14. November 2021 haben wieder Schülerinnen und Schüler des HAG an der Gedenkveranstaltung zum Volkstrauertag in Barsinghausen teilgenommen. Im Philosophiekurs PL122 unter der Leitung von Alban Peters haben sie eine Rede verfasst, die Sie hier im Wortlaut nachlesen können. Eine Audioversion finden Sie auf den Seiten des Spalterradios unter www.han-nah.de/radio.

 

Sehr geehrte Mitmenschen,

1926 fand der erste Volkstrauertag statt. Initiiert wurde dieser Tag vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge, um der deutschen Soldat:innen zu gedenken, die im ersten Weltkrieg gefallen waren. Der Volkstrauertag wurde später bereitwillig von den Nazis des Dritten Reichs übernommen und zu einem „Heldengedenktag“ gemacht. Die gefallenen Soldat:innen wurden nun als Held:innen verehrt. 1945 wurde der Gedenktag ausgesetzt, 1948 fand er wieder statt. Nach der Bundesregierung dient der Volkstrauertag heute, um aller Kriegstoten und Opfer von Gewaltherrschaft aller Nationen zu gedenken sowie zur Mahnung zu Versöhnung, Verständigung und Frieden.

Neonazis verstehen den Volkstrauertag heute noch als Heldengedenktag, um die gefallenen Soldat:innen des zweiten Weltkrieges als Held:innen zu verehren, so zum Beispiel im Thüringer Friedrichroda oder im Mecklenburg-Vorpommerschen Rostock. Mit Blick auf die Geschichte des Tages fragen wir uns, ob und wie wir ihn in Zukunft wahrnehmen können. Ist uns bewusst, dass der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge diesen Tag und mit Unterstützung des Bundes Gräber, darunter auch solche von SS-Mitgliedern oder KZ-Kommandanten, auf über 825 Kriegsgräberstätten noch heute betreut? Distanzieren wir uns genug von dem „Heldengedenktag“? Thematisieren wir die deutsche Täter:innenschaft, wenn wir unterschiedslos über gefallene Soldat:innen oder über Gewaltherrschaft sprechen?

Besonders an diesem Tag darf nicht ignoriert weden, wie verbreitet die Ideologie des Nationalsozialismus noch in unserer Gesellschaft ist. Auf der Grundlage der Ideologie des Nationalsozialismus enstand der Nationalsozialistische Untergrund (NSU), der 1999 zur Ermordung von Menschen mit Migrationsgeschichte aus rassistischen Motiven gebildet wurde. Anfang November hat sich die Selbstenttarnung des Nationalsozialisitschen Untergrunds zum zehnten Mal gejährt. Die Taten des NSU gelten als die größte rechte Mord- und Anschlagsserie der Bundesrepublik Deutschland. In den Jahren 2000 bis 2007 ermordete der NSU zehn Menschen. Bei weiteren Anschlägen wurden zahlreiche Menschen teilweise schwer verletzt. Von den Angehörigen der Opfer der rassistischen Mordserie des NSU und den Überlebenden der Anschläge wurde schon früh auf einen möglichen rassistischen Hintergrund der Taten hingewiesen. Die Sicherheitsbehörden und die Presse erkannten die Mord- und Anschlagsserie aber nicht als das, was sie war. Öffentliche Bekanntheit erlange der NSU erst ab dem 4. November 2011, als die beiden Neonazis Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos tot einem brennenden Wohnmobil entdeckt wurden und Beate Zschäpe ihre Wohnung abbrannte und Bekennervideos versandte.

Die Erfahrungen aus dem NSU-Komplex zeigen, dass die Betroffenen rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt endlich ernstgenommen werden müssen. Den Betroffenen muss zugehört werden und ihre Perspektive muss im Vordergrund stehen. Am Anfang der Beschäftigung mit dem Jahrestag der Selbstenttarnung des NSU darf daher nicht die Auseinandersetzung mit den Täter:innen, deren Gewaltaten keinesfalls entschuldbar sind, stehen. Am Anfang der Beschäftigung mit diesem Jahrestag muss das Gedenken an die vom NSU Ermordeten stehen. An Enver Şimşek, Abdurrahim Özüdoğru, Süleyman Taşköprü, Habil Kılıç, Mehmet Turgut, İsmail Yaşar, Theodoros Boulgarides, Mehmet Kubaşık, Halit Yozgat und Michèle Kiesewetter.

Auch Hannah Arendt erkannte, dass das Gedenken an die Opfer im Vordergrund stehen muss. „Die größten Übeltäter sind jene, die sich nicht erinnern, weil sie auf das Getane niemals Gedanken verschwendet haben, und ohne Erinnerung kann sie nichts zurückhalten.“ Sie zeigt, wie wichtig die Erinnerung an Gewalttaten und das Nachdenken über das eigene Handeln für die Gesellschaft sind. Es darf kein Schlussstrich unter die Auseinandersetzung mit den Gewalttaten gezogen werden, weil sich sonst die Geschichte wiederholt. Dabei ist die Aufgabe unserer Gesellschaft, dafür zu sorgen, dass sich die Geschichte nicht wiederholt und das Versprechen des „Nie wieder“ eingehalten wird.

Es ist also ebenfalls wichtig, nicht nur die Täter:innenseite zu problematisieren, sondern auch der Opfer zu gedenken, Versöhnung zu stiften und an die Verantwortung für das eigene Handeln zu erinnern.

Denn der Gedenktag bleibt mehr als nur ein Kalenderdatum, an dem etwas in sich gekehrt und nachgedacht wird. Vielmehr bietet er die Möglichkeit, über Geschehnisse aus Gegenwart und Vergangenheit nachzudenken, die uns berühren. Das können historische, kulturelle oder religiöse Ereignisse sein, bei denen Gewalt und Unterdrückung zu viel Leid und Ungerechtigkeit geführt haben. Dabei gibt es nicht das eine Ereignis oder die eine Begebenheit, der sich zu gedenken lohnt. Es zählt alleine die Tatsache, dass wir versuchen, die Fehler der Vergangenheit als solche zu erkennen. Der Opfer von Gewalttaten zu gedenken und wahrzunehmen, welches Leid ihnen und ihren Familien widerfahren ist.

Vielleicht ist der Volkstrauertag der erste Schritt in die richtige Richtung: zu versuchen, füreinander da zu sein und füreinander einzustehen, vor allem in den schweren Zeiten.

Die Schweigeminute hilft uns, nicht zu vergessen, nicht zu vergessen
Sie erinnert daran, innezuhalten und nachzudenken,

Unsere Gedanken auf die Menschen zu beschränken,
denen wir sonst wenig Zeit in unserem Leben beimessen.

 In diesem Sinne bitten wir um eine gemeinsame Schweigeminute.

 --- Schweigeminute ---

 Vielen Dank.

 

Text: Philosophie-Leistungskurs der Q2, PL122 (Pe)

Vortrag: Florian Kremser, Lukas Meyer, Paul Waßmann, Chiara Widdel

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